
Ein Praktikum ist eine gute Möglichkeit, sich schon zu Schulzeiten einen Einblick in ein bestimmtes Berufsfeld zu verschaffen. Denn kennt man eine Tätigkeit schon aus der Praxis, lässt sich besser einschätzen, ob dies tatsächlich ein Weg ist, den man nach dem Abitur beschreiten möchte. Die STUDIENKOMPASS-Teilnehmerin Tu-Queen Ly aus Berlin interessiert sich für die Arbeit im politischen Raum und hat deshalb kürzlich ein Praktikum im Deutschen Bundestag absolviert. Was sie dabei erlebt hat und wie das Praktikum ihre Studien- und Berufsorientierung vorangebracht hat, schildert sie hier.
Kurz vor dem Abitur zu stehen bedeutet für mich nicht nur Prüfungstress oder Hausaufgaben. Schließlich ist es auch wichtig zu wissen, bis wo man sich „hinarbeiten“ möchte. Mich persönlich interessiert vor allem das Thema Bildungspolitik. Anfangs wollte ich „Politikerin“ werden, weil ich unbedingt etwas an unserem Schulsystem verändern und Gutes für unsere Gesellschaft tun wollte. Da taten sich folgende Fragen auf: Muss ich dafür Politikwissenschaften studieren oder muss man immer ein „Quereinsteiger“ aus dem Berufsleben (wie JuristIn oder LehrerIn) sein, um Politik machen zu können? Wie funktioniert die Arbeit als „PolitikerIn“? Gibt es berufliche Alternativen außer der Tätigkeit eines Politikers, die meinen Erwartungen trotzdem entsprechen? Um auf die vielen Fragen Antworten zu finden, bewarb ich mich beim Abgeordnetenbüro von Krista Sager (Bündnis 90/Die Grünen) um ein Praktikum. Es hat insofern gut gepasst, als dass sie nicht nur Abgeordnete, sondern auch Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen für Wissenschafts- und Forschungspolitik ist. Umso mehr freute es mich, als ich vom Büro Krista Sagers eine Zusage erhielt.
Nach dem E-Mail-Austausch mit dem Büro waren es nur noch einige Tage bis zu meinem Praktikum während der Herbstferien. Mir wurde zwar gesagt, dass während dieser zwei Wochen keine Plenumssitzungen stattfinden und dass Krista Sager, wie viele andere Abgeordnete und Mitarbeiter auch, im Urlaub ist. Dennoch war ich überhaupt nicht darüber betrübt. Mir war es einfach nur wichtig, einen Teil der politischen Berufswelt und die Menschen dort kennen zu lernen. Und da die Politik nie schläft, war ich mir sicher, dass es immer was zu tun geben würde.
Geburtstagskarten, Steckbriefe und vieles mehr: Meine Aufgaben im Praktikum
Im Rahmen des Praktikums habe ich viele verschiedene Aufgaben erfüllen können und so einen spannenden Einblick in die Abläufe eines Abgeordnetenbüros im Bundestag erhalten. Einige der Aufgaben dienten dazu, das Büro mit den vielen Dokumenten zu koordinieren. Dazu gehörten nicht nur, die Post zu holen und Dokumente zu sortieren, sondern auch – man mag es kaum glauben – die Absender von Geburtstagskarten an Krista Sager tabellarisch zu erfassen. Denn man möchte aus Höflichkeit auch den Gratulierenden zu deren Geburtstag eine nette Karte schicken – auch wenn es schon mal über vierzig Leute werden könnten. Immerhin konnte ich auch Claudia Roths in meinen Händen halten.
Ein wichtiges Gebiet, das zu meiner Tätigkeit im Büro hinzukam, war die Recherchearbeit. Ein/e Abgeordnete/r muss zu jeder Veranstaltung, wie Podiumsdiskussionen oder Themenabenden, sachlich immer auf dem neuesten Stand sein, um die Partei im Sinne ihrer Interessen in der Öffentlichkeit gut zu repräsentieren. Trotz des großen Wissensumfangs eines/r Abgeordneten kann kein Mensch alles wissen. Dafür gibt es die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen im Büro, die die Informationen sammeln und so verarbeiten, dass sich die/der Abgeordnete/r innerhalb kürzester Zeit ausreichend informieren kann. Deswegen war ich zum Beispiel dafür verantwortlich, Steckbriefe von einigen Gästen einer öffentlichen Diskussionsrunde über die Versorgungslücke in der Energiepolitik anzufertigen. Außerdem recherchierte ich Kontaktdaten und Ansprechpartner zu wichtigen Verbänden und Instituten, wie z.B. zum Fraunhofer Institut oder DAAD.
Ganz besondere Einblicke: Auf Entdeckungstour im Regierungsviertel
Glücklicherweise gab es in der Menge an Arbeit auch Momente, in denen ich besondere Einblicke in den Politikbetrieb bekam. Angefangen hat es mit der Post, die viel über die Versuche verschiedener Interessensguppen, von außen auf die Abgeordneten Einfluss zu nehmen, aussagte. Dann erfuhr ich einiges über die Parteiziele und die innerparteilichen Strukturen der Grünen, die Organisation in Arbeitskreise und deren einzelne Aufgabenbereiche. Das Beste war jedoch die persönliche Führung durch die tiefsten Winkel des Regierungsviertels. Von den Fraktionsräumen mit Ausblick auf den Plenarsaal im Bundestag, durch den „Lampenladen“ im Paul-Löbe-Haus bis hin zum unterirdischen Durchgang unter der Spree habe ich alles sehen können, was den meisten Touristen und Besuchern vorenthalten bleibt. Das war einfach nur der Wahnsinn :-)
Entscheidungshilfe Praktikum - Wie es für mich weitergeht
Das Praktikum hat mir wirklich sehr viel weitergeholfen. Einerseits habe ich sehr nette Menschen getroffen, an die ich mich jetzt immer wenden kann, falls ich z.B. wieder ein längeres Praktikum dort machen möchte. Andererseits hat mir dieser Einblick in die politische Berufswelt die Unsicherheit genommen, dass man eine typische Standardkarriere wie z.B. ein Jurastudium einschlagen muss, um berufspolitisch tätig zu sein. Nach diesem Praktikum nehme ich, neben der Tätigkeit als Abgeordnete, die Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Abgeordnetenbüro als eine weitere Option in den Blick. Ich kann mir durchaus vorstellen, noch einmal in den Bundestag zurückzukommen bzw. meine Berufsorientierung in dieser Hinsicht weiter zu vertiefen. Wer weiß, was die Zukunft bringen mag.