Kontakt
Menü

Gründungsluft schnuppern: Der entrepreneurshipkompass 2021

Die Teilnehmenden des entrepreneurshipKompass im Oktober
Gleich zweimal hieß es in diesem Jahr "Auf nach Stuttgart!". Mit Unterstützung der Karl Schlecht Stiftung haben 50 Studienkompass-Teilnehmende aus ganz Deutschland an dem jeweils viertägigen Workshop entrepreneurshipKompass teilgenommen und sich intensiv mit dem Thema Gründen beschäftigt. Im August war Angelina Schülke, Teilnehmerin aus Heilbronn, dabei und hat für uns ihre Eindrücke aufgeschrieben.

Ein wenig mehr Unternehmergeist in mein Leben tragen...
Ein Bericht von Angelina Schülke

Lösungen finden. Das ist etwas, das wahrscheinlich jeder und jede von uns täglich tut. Für große und kleine Herausforderungen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Wenn ich Sie nun fragen würde, wie Sie zuletzt einem Problem begegnet sind, reichen die Antworten vermutlich von sofortigem Brainstormen über Verdrängen und Aufschieben bis hin zum Abgeben der Verantwortung an andere. Doch was wäre, wenn wir uns stattdessen einfach mal ein bisschen eingehender mit dem Problem an sich befassen würden?

Zugegeben, bis Anfang August wäre ich selbst auch nicht unbedingt auf diese Idee gekommen. Meine Probleme? Die kenne ich doch schon viel zu gut – dachte ich. Doch dann saß ich auf einmal im Zug nach Stuttgart und mit Beginn des entrepreneurshipKompass, einem gemeinsamen Projekt des Studienkompass und der Karl-Schlecht-Stiftung, veränderte sich meine Haltung zum Umgang mit Herausforderungen grundlegend. Denn ich lernte nicht nur neue Kreativitäts- und Selbstorganisationsmethoden kennen. Ich lernte, wie man sich in das Problem und nicht in die Lösung verliebt. 

Um allerdings zu verstehen, wie ich zu dieser Erkenntnis gelangen konnte, lohnt es sich zurückzublicken und noch einmal die vielen Erlebnisse während dieses viertägigen Workshops im Atelier Auer Revue passieren zu lassen… Nach einem entspannten Kennenlernen und Kahoot-Quiz am Donnerstagabend, bei dem wir, 25 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz Deutschland, unser Vorwissen zu Arbeitstechniken wie Pareto-Prinzip, Kopfstandmethode oder Braindump testen konnten, starteten wir am Freitag so richtig durch. Es ging um Gründungsprozesse, soziale Verantwortung sowie die Wissenschaft hinter Entrepreneurship. Gemeinsam mit unseren tollen Gästen tasteten wir uns Stück für Stück vor in die Weiten des Unternehmertums.

Den Anfang machten dabei die Gespräche mit Gründerinnen und Gründern, denen wir Teilnehmenden in Kleingruppen Löcher in den Bauch fragen durften. Von Finanzierung, über Selbstzweifel bis hin zu Alleinstellungsmerkmal und Zukunftstauglichkeit der Start-ups war alles dabei und ich muss sagen, diese Phase gehört für mich zu den inspirierendsten des gesamten Workshops. Es ist nach wie vor beeindruckend, was diese Menschen auf die Beine gestellt haben, doch der Austausch mit ihnen hat mir gleichzeitig ein wenig die Angst, den Druck und das Gefühl von völliger Überforderung genommen. Mit jedem Gespräch ist Gründen für mich ein kleines bisschen greifbarer, ein kleines bisschen nahbarer geworden und hat etwas von seinem Mysteriumscharakter eingebüßt. Zudem wird mir vor allem eine Bemerkung des Gründers von Next Entrepreneurs, Roger Zimmerman, im Gedächtnis bleiben, die er uns ganz am Schluss des Gespräches mit auf den Weg gab:

 „Nicht jeder von euch muss hier rausgehen mit dem Gefühl, ich möchte jetzt ein eigenes Start-up gründen. Tut das, worauf ihr Lust habt. Was viel mehr zählt, ist der Unternehmergeist, die Bereitschaft, etwas in die Hand zu nehmen, etwas zu unternehmen. Und das ist etwas, das in jeder Situation unglaublich wertvoll ist.“

Rückblickend ist das wohl einer dieser Schlüsselmomente, in denen ich verstanden habe, dass Entrepreneurship mehr ist als Unabhängigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Profitmaximierung. Zum Beispiel ein ganz eigenes Forschungsfeld, in dem es unter anderem um Fragen zur Nachhaltigkeit, unternehmerischen Ökosystemen oder Ideenentwicklung geht, wie uns die Gäste von der Universität Hohenheim berichteten. Genauso kann sich Entrepreneurship aber auch um Verantwortung drehen, um Solidarität und den Wunsch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Beni, ein Mitarbeiter des Social Impact Lab in Stuttgart, nahm uns hierfür mit auf einen kurzen Streifzug durch die Welt des sozialen Unternehmertums. Und er gab uns einen Einblick in seine Arbeit mit Gründerinnen und Gründern von Non-Proft-Organisationen sowie Social Enterprises und die Missionen, denen sie sich jeweils verschrieben haben. 

Hier wurde besonders deutlich, dass Gründerinnen und Gründer auf ihre Weise tatsächlich immer auch Problemlösende sind. Sei es ein neues Produkt, das uns den Alltag erleichtern soll oder ein soziales Projekt, das dazu beitragen will, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen – in jedem Fall steht die Auseinandersetzung mit einem bestimmten Missstand im Zentrum. Und dabei geht es im ersten Schritt überhaupt nicht darum, möglichst schnell Wege zu finden, wie diesem Problem begegnet werden kann, sondern erst einmal darum, die Ausgangslage an sich zu durchdringen. Womit wir wieder bei unserem Thema vom Anfang wären.

 

Warum dieser erste Schritt allerdings nun so wichtig ist, das wurde uns spätestens klar, als wir selbst aktiv werden durften und nach mehreren kleineren Übungen und Teamarbeiten zu Ideensammlung und Produktentwicklung schließlich zur Design-Thinking-Methode übergingen. Design Thinking. Ich bin mir relativ sicher, dass der ein oder die andere bereits von diesem Buzzword gehört hat, zumal seine Anwendung in letzter Zeit durchaus an Popularität gewonnen hat. Doch aktiv den gesamten Prozess durchlaufen zu haben? Das dürften viel weniger von sich behaupten können.

Für uns Teilnehmende am entrepreneurshipKompass stand jedoch genau dies für Samstag auf dem Plan. Natürlich in abgespeckter und geraffter Version, aber mir wurde doch recht schnell klar, dass dieser Tag im Vergleich zu Freitag in Sachen Intensität noch eine Schippe drauflegte. Zwar begegnete uns an diesem Tag etwas weniger neuer Input, doch stattdessen waren nun unsere eigene Kreativität, Disziplin sowie Kommunikationsfähigkeit gefragt. Wir wurden vor die Aufgabe gestellt, selbst in Gruppenarbeit eine eigene Geschäftsidee zu entwickeln und dabei quasi im Schnelldurchlauf alle relevanten Schritte des Design Thinking Prozesses durchzugehen. Und so absurd, unmöglich und stressig, wie es scheinen mag, einen solch langen, komplexen Weg in einen einzigen Tag packen zu wollen, so wertvoll empfand ich doch die Möglichkeit, die unterschiedlichen Schritte und Phasen selbst einmal zu durchleben.

Es ist schlicht und einfach ein anderes Lernen, wenn man direkt in die praktische Anwendung gehen kann und so hautnah erlebt, was Gründen im Wesentlichen ebenso bedeutet: Ausprobieren, Fehler machen, sich verbessern.

Besonders faszinierend finde ich im Übrigen den iterativen Charakter der Design Thinking Methode, weil er wirklich den Raum bietet, immer wieder zu wechseln zwischen Brainstorming- und Aussortierphasen. Ziel ist es auch hier, das Problem und die Zielgruppe möglichst gut kennen zu lernen, um wirklich passgenaue Lösungsansätze entwickeln zu können, die eine nachhaltige Verbesserung bieten und nicht lediglich Symptome bekämpfen. Und wenn ich ehrlich bin, ist dies ein für mich tatsächlich ausschlaggebendes Argument, mich in Zukunft viel intensiver mit dem Problem an sich zu beschäftigen, bevor es an die Lösungsuche geht.

Allgemein empfand ich es als unglaublich bereichernd, mich einen ganzen Tag lang dieser Vorgehensweise hinzugeben und mich einzulassen auf die Teamarbeit und den Zeitdruck, den positiven Stress und das Improvisieren, die Zielgruppenanalyse und den Pitch ganz am Ende. Was ich auf alle Fälle nicht erwartet hätte, war, dass ich bereits während des Wochenendes ungewöhnlich oft ins Reflektieren hineinkam und in gewisser Weise auch selbst über mich hinaus gewachsen bin.

Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet allerdings ohne jeden Zweifel auch die wirklich einzigartige Atmosphäre während dieser gesamten Veranstaltungen. Ein Gruppenspirit voller Energie und Enthusiasmus, der sich bereits während des informellen Kennenlernens am ersten Nachmittag abzeichnete und der die vielen schönen Momente während des Workshops auf besondere Art lebendig hält.

Wenn ich jetzt zurückdenke, an diese wenigen Tage im August, habe ich alles wieder ganz deutlich vor Augen: die neonfarbenen Kreppbandsymbole auf dem Boden, die Brownpaper mit den bunten Post-its – und ja, ebenso die gemeinsamen Abende in der Jugendherberge, das Eis essen sowie den abendlichen Spaziergang durch die Innenstadt.

Denn neben dem unglaublich vielfältigen und dichten Programm wird mir vor allem die Zeit mit den anderen Teilnehmenden im Gedächtnis bleiben sowie das Gefühl, das die Gespräche mit ihnen in mir zurückgelassen haben: eine Mischung aus Bewunderung, Leichtigkeit, Inspiration und Dankbarkeit angesichts dessen, dass ich solch tolle Menschen kennen lernen durfte.

Ja, die Gruppenarbeit unter Zeitdruck hat den Umgangston in manchen Situationen vielleicht einmal etwas verschärft und es gab mitunter auch Meinungsverschiedenheiten. Doch auch bei dieser Veranstaltung durfte ich erleben, was ich als so typisch für Studienkompass-Treffen erachte: die Offenheit und Unkompliziertheit aller Beteiligten, die es einem immer wieder so einfach machen, auf neue Menschen zuzugehen und sich auszutauschen.

Abschließend kann ich nur noch einmal betonen, dass mir der entrepreneurshipKompass im August 2021 wirklich sehr positiv in Erinnerung bleiben wird. Intensiv ist wahrscheinlich das beste Wort, um dieses verlängerte Wochenende zu beschreiben, und das nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf sozialer und emotionaler Ebene.

Neben dem breit gefächerten Programm vor Ort bin ich ebenso von der nachgelagerten Aufgabe begeistert, über den Workshop hinaus in Kontakt mit Gründerinnen und Gründern zu treten und je nach Interessenschwerpunkt weitere Gründungen in unterschiedlichen Bereichen kennen zu lernen. Das gab uns die Möglichkeit, auch im Nachhinein noch einmal in die behandelten Themen zu tauchen und zusätzliche Kontakte zu knüpfen.

Herzlichen Dank an die Karl-Schlecht-Stiftung, das Studienkompass-Team und ganz besonders Anna, Iza und Hendric für die wunderbare Unterstützung, Betreuung und Moderation.

Danke, dass ihr mich dazu ermuntert und mir geholfen habt, ein wenig mehr Unternehmergeist in mein Leben zu tragen.